Lieber begabte Kämpfer statt Diven

Herr Schnegg, erneut steht ein Selektionstraining für die Swiss Volley Talent School. Wie gross ist das Interesse junger Talente?

Grundsätzlich sind wir mit dem konstanten Interesse an unserer Talent School zufrieden und wir können Jahr für Jahr im Schnitt 8-10 geeignete Kinder für die TS selektionieren. Dennoch hätten wir für die Selektion auch gerne 10 oder 15 Interessierte mehr!

 

Volleyball fristet oft ein Schattendasein, erst mit dem Erfolg von Volley Amriswil wurde das Bewusstsein vieler Jugendlicher für den Sport geschärft. Haben Sie in den letzten Jahren eine Verschiebung des Niveaus erlebt?

Wir haben bei Lindaren Volley Amriswil das Glück, dass unser Verein schon seit 25 Jahren ununterbrochen in der NLA ist und seit rund 15 Jahren meistens um den Titel kämpfen darf. Im Vergleich zu anderen Regionen ist Volleyball in Amriswil wirklich eine der wichtigsten Sportarten, wenn nicht sogar die Sportart schlechthin. Hier stelle ich eine Stabilität auf hohem Niveau fest.

 

Inzwischen haben zahlreiche junge Talente die Swiss Volley Talent School besucht. Wie hat sich das auf ihre sportliche Entwicklung ausgewirkt?

Ja, da sind wir extrem stolz darauf. Von unseren rund 110 Talent-School-Schülern (seit Beginn) haben zwei den Sprung ins Volleyball-Ausland geschafft, zwei ins nationale Beach-Kader, 13 spielen oder spielten in der NLA, 12 in der NLB und rund 25 in der 1. Liga. Auch die Nationalkader sind immer gut durch unsere (Ex-)Schüler bestückt. Rund die Hälfte aller geförderten Talente macht also einen Sprung in eine nationale Liga. Ähnliche Erfolgsgeschichten gibt es aber auch von der schulischen und beruflichen Seite zu berichten, welche ich als mindestens so wichtig betrachte. Da haben wir mit der VSG Amriswil-Hefenhofen-Sommeri ausgezeichnete Voraussetzungen.

 

Welche Voraussetzungen muss ein junger Mensch mitbringen, um als Schüler aufgenommen zu werden?

Wir suchen bei der Selektion nicht nach Defiziten, sondern nach besonderen Begabungen. Diese können in den Bereichen Leistungsmotivation, Koordination, Ballgefühl, Athletik oder Genetik sein. Klar haben im Volleyball Grossgewachsene Vorteile. Wer «normal gross» ist, muss in anderen Bereichen umso mehr überzeugen. Die Erfahrung aus den letzten 13 Jahren zeigt aber, dass vor allem die Bereitschaft, täglich über Jahre an etwas dran zu bleiben, ganz entscheidend ist für den Erfolg. Im Zweifelsfall haben wir lieber «begabte Kämpfer» als «hochbegabte Diven».

 

Um die Volleyballschüler optimal zu fördern, muss eine tragfähige Infrastruktur bereitstehen ...

Mit der VSG Amriswil haben wir einen tollen schulischen Partner direkt vor Ort. Direkt neben dem Schulhaus stehen zurzeit vier Hallen (schon bald sieben Hallen) für die Trainings zur Verfügung. Lernraum sowie ein Talent-School-Raum für gemeinsame Mittagessen aus der Mikrowelle runden das Angebot ab. Da Lindaren Volley Amriswil die Trägerschaft der Talent School ist, stehen uns auch immer ausgezeichnete Assistenz-Trainer und Vorbilder zur Verfügung. Dank Bestrebungen von Volley Amriswil, auch Damen-Volleyball künftig auf höherem Niveau anzubieten, sollten auch die Bedingungen für die Mädchen künftig noch ein bisschen optimiert werden können.

 

Wie wird das finanziert?

Der schulische Teil läuft ganz normal über die VSG Amriswil und diese kümmert sich auch um allfällige Abtretungen von Schulgeldern für externe Kinder. Das läuft heute deutlich besser als noch zu Beginn der Sportschule. Der sportliche Teil wird zu rund einem Drittel durch die Eltern mit einem Jahresbeitrag von 1800 Franken finanziert. Ein weiterer Drittel wird durch Fördergelder von Swiss Volley und Unterstützung des Kantons finanziert, und den Rest decken wir durch Sponsoren ab.

 

Wie ist das Echo der verschiedenen Volleyball-Vereine im Kanton auf die Swiss Volley Talent School?

Unterschiedlich! Einige unterstützen uns vorbildlich und schicken talentierte Kinder zu uns, während andere da nicht ganz so offen sind. Vor allem aber auch auswärtige Kinder unterstützen wir öfters in der Idee, in ihrem Heimclub weiter zu spielen. So gibt es einige Talente, die tagsüber bei uns zur Schule und ins Training gehen und am Abend in ihrem Wohndorf das Volleyball-Training besuchen.

 

Quelle: Thurgauer Zeitung

Text: Rita Kohn

Bilder: Reto Martin